Alle reden über den Islam …

… ich nicht.

Die allgegenwärtige Fixierung auf sogenannte Islam-Themen hat zu einer völlig  verengten Sichtweise auf den Nahen und Mittleren Osten geführt. Eine Sichtweise, die den Islam im Zentrum vieler Probleme und Auseinandersetzungen verortet. Sichtbar ist dies häufig in der medialen Berichterstattung, wo kaum ein blutiges Ereignis, kaum ein gewaltsamer Konflikt  ohne Verweise auf eine religiös-begründete Gewaltbereitschaft oder Rückständigkeit auskommt. Oftmals berechtigt, häufig aber auch nicht. Vom „kleinen Mann“ zum medial gehypten Politologen sind sich hier alle einig. Doch dies zu debattieren, ist gar nicht meine Intention, im Gegenteil. Eine kleine Verdrängung des Religiösen würde meiner Meinung nach nicht schaden. Der versteifte Fokus auf Islam-Themen (sei er wissenschaftlich, medial oder politisch) führt immer wieder zur diskursiven Konstruktion eines durch und durch islamisch determinierten Raumes. Der Nahe und Mittlere Osten verkommt zu „einer“ islamischen Welt, deren Verfasstheit nur mehr unter religiösen Koordinaten gedeutet wird. Als hätten die dort lebenden Menschen nicht auch noch andere Sorgen – und die haben es in sich.

Das wohl größte Problem ist sicherlich der Jobmangel. In der MENA-Region (Naher Osten und Nordafrika) finden gerade einmal 40 Prozent der Menschen im erwerbsfähigen Alter einen Job. Je jünger (und auch gebildeter) desto schwieriger gestaltet sich die Arbeitssuche. Laut einer Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung dürfte im Jahre 2020 bereits die Hälfte aller Menschen im erwerbstätigen Alter arbeitslos sein – 181 Millionen Menschen.

Zusätzlich drängen bis 2030 jährlich fast fünf Millionen weitere Arbeitssuchende auf den Markt. Als Ausweg aus Armut und Perspektivlosigkeit bleibt Migration oder eben der Griff zur Waffe – schließlich mangelt es nicht an „Berufsfeldern“, die das Tragen von Waffen erfordern. Sei es in der Armee, sei es in Sicherheitsfirmen oder eben doch in ihrem delinquenteren Pendants wie Milizen oder gar dschihadistischen Gruppen. Immerhin zahlen auch Extremistengruppen wie der IS einen Sold. Entgegen der populären Annahme schließen sich nicht nur unterprivilegierte junge Männer extremistischen Bewegungen an.

Was uns auch schon zu den sogenannten „Engineers of Dschihad“ bringt, den vielen Ingenieuren (und auch anderen AkademikerInnen), die sich dschihadistischen  Bewegungen verschrieben haben. Die beiden Sozialwissenschaftler Diego Gambetta und Steffen Hertog erklären dieses Phänomen unter anderem mit dem Ansatz der relativen Deprivation. Dabei wird politischer Aktivismus oder die Bereitschaft zum Terror mit enttäuschten Aufstiegshoffnungen begründet. Der Ingenieurstitel mag zwar Prestige verleihen, jedoch immer seltener einen richtigen Job. Anders formuliert, sein symbolisches Kapital lässt sich nicht in ökonomisches umwandeln. Ein Zusammenhang zwischen sozialer Frage, Extremismus und Militanz ist hier nicht von der Hand zu weisen.

Die prekäre soziale Lage wird darüber hinaus von einer ökologischen Krise begleitet. Laut Max-Planck-Institut wird der Nahe Osten aufgrund klimatischer Veränderungen in nur wenigen Jahrzehnten kaum mehr bewohnbar sein. Wasserknappheit durch lange Dürreperioden und allgemein gestiegene Temperaturen sind jetzt schon ein gewaltiges Problem für diese Region, die ohnehin zu zwei Drittel aus Wüste besteht. Sei es in Syrien, wo eine langanhaltende Dürre vor Ausbruch der Revolte fast eine Million KleinbäuerInnen die Lebensgrundlage entzog und zur Landflucht zwang, oder im Jemen, wo bereits vor dem Bürgerkrieg ein Großteil aller lokalen Konflikte auf den Wassermangel zurückzuführen waren – der Klimawandel bringt das fragile soziale Gefüge in der Region ins Wanken. Auch darüber lohnte es sich zu sprechen. Aber hey, wir können immer noch zum gefühlt millionsten Mal das Kopftuch zum Thema machen und bequemlich die sozialen wie klimatischen „hardfacts“ ausblenden.

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