Bilder, Blut und Brennstoff

Medien und Krieg

Invalide waren wir durch die Rotationsmaschinen, ehe es Opfer durch die Kanonen gab.
(Karl Kraus)

Zwischen dem Mittelmeer, den Massengräbern, den Wüstenfüchsen, den Achsen des Guten und den Achsen des Bösen existieren Vermittler, die eine Verbindung zu uns schaffen. Unpräzise wie eine Drohne, deren Ladung per Knopfdruck irrtümlich in eine jemenitische Hochzeitsgesellschaft einschlägt, firmiert die mediale Dramaturgie des Krieges unter dem Titel „Berichterstattung“ durch den embedded journalist, den Experten für die Region XYZ oder von Aktivisten, Terroristen oder Widerstandskämpfern für die eine oder andere Seite. Die je eigenen Versionen vom „gerechten“ oder „ungerechten“ Krieg werden sodann bereitwillig von großen Medienagenturen bzw. Verlagshäusern aufgegriffen, deren Eigeninteressen, Blattlinien oder aber auch ökonomische Sachzwänge unerwähnt bleiben, stattdessen steht die öffentlichkeitswirksame Inszenierung des Krieges im Mittelpunkt.

Jede und Jeder webt sich einen Teppich der Wahrheit aus den spärlichen Fäden der Wirklichkeit in Krisengebieten. Mediale Akteure wirken auf unsere Konzeptionen vom Guten und vom Bösen ein. Besonders in Kriegen vermitteln sie ein spezifisches Bild, das – je nach politischer Orientierung und Blattlinie – zu unterschiedlichen Ergebnissen kommt.

Angenommen, sämtliche Medien verfolgen Agenden, worin unterscheidet sich sodann die Ukraine-Berichterstattung der ZEIT von der Syrien-Berichterstattung des Nachrichtensenders Russia-Today? Weshalb schreibt die junge welt von der Befreiung Aleppos? Wieso hält sie eine Pax Russiana für weniger imperialistisch wie die Pax Americana? Und weswegen dringen die Bilder zerstörter Krankenhäuser in Syrien zu uns, wohingegen Bilder zerstörter Krankenhäuser in Mossul oder Sannaa es seltener tun?

Medien befinden sich im Spannungsfeld zwischen Propaganda und Aufklärung. Zudem sind gerade konventionelle Medien einem kulturindustriellen Konkurrenzdruck ausgesetzt, der „Terror der Ökonomie“ und die eigens auferlegte profitorientierte Diktion erschweren differenzierte Berichterstattung – Tendenz steigend, dafür braucht es nicht einmal Krieg.

Korrespondentennetzwerke werden eingestellt. Man orientiert sich eher an Agenturmeldungen oder nimmt großzügige Einladungen vonseiten staatlicher Akteure (Stichwort embedded) an, die sodann Journalisten auf Reisen mitnehmen. Hierfür ist kein Blick in die USA oder sonst wo vonnöten. Wenn europäische Politiker Flüchtlingslager in Jordanien besuchen, können sie sich journalistischer Begleitung sicher sein – eine scheinbare Win-Win-Situation für alle. Unter den Tisch fällt lediglich die kritische Berichterstattung. Eine Grundproblematik, die sich daraus ergibt, macht sich in der Debatte um „fake news“ und „alternative facts“ bemerkbar. Die Lügenpresse-Vorwürfe zumeist rechter Proponenten greifen in dieser Hinsicht so gut „beim Volk“, da es sich in der Debatte von „fake news“ nicht zwangsläufig um ein Märchen, sondern um eine Sage handelt, d. h. die Diskussion über einen realitätsbezogenen Kern verfügt. Das ist gerade in Krisengebieten der Fall, besonders wenn Machtinteressen sich konträr gegenüberstehen, ist Media-War Teil jeglicher Kriegsstrategie.

Die Golfkriege zwei und drei brachten das Geschäftsmodell des embedded journalism hervor sowie die Perfektionierung des Medienkrieges. Heute erleben wir eine neue Dynamik im Be-reich Berichterstattung. Angesichts der „digitalen Revolution“ treten in den Kriegen um Al-eppo oder Mossul nur mehr vereinzelt embedded journalists auf. Mittlerweile setzt man auf den kostengünstigeren Bürgerreporter vor Ort, der über soziale Medien ebenfalls die Wohn-zimmer (oder Redaktionsgebäude) fernab des Krieges erreicht. Wer jedoch zu „uns“ spricht, hängt vermehrt von den Algorithmen ab, die uns umgeben, genauso wie von den Medien, die wir konsumieren. Ob das Twitter-Foto eines zerstörten Krankenhauses „seriös“ ist, ob es der Kamera eines „moderaten Rebellen“ oder eines „Terroristen“ entstammt, ist eine Deutungsan-gelegenheit, die sowohl der Algorithmus der „Social-Media-Bubble“ als auch unser jeweilig rezipiertes Leitmedium für uns vornimmt.

Zu leicht fällt die Annahme, verwackelte Handyfotos würden den „Nebel des Krieges“ lichten. Es ist meines Erachtens vielmehr so, dass sich die Stimmen, die aus den Schwaden zu uns rufen, vermehren. Das Ungewisse bleibt jedoch bestehen. Es ist schwierig, sich im Berichterstattungsdschungel zurecht zu finden. Wehmütig gilt es oftmals festzustellen, wie sehr sich landläufige Konnotationen hierorts mit der Komplexität sozialer Wirklichkeiten spießen. Gerade deswegen braucht es vermehrt Medienkritik von allen Seiten an allen Seiten. Es braucht aber auch kritische Stimmen, die, in den Worten Christoph Schlingensiefs, „Maschinengewehrtexte gegen Maschinengewehre“ schreiben. Stimmen, die sich nicht gefühlskalten oder überhitzten Interpretationen des großen Schlachtens hingeben, um die eine oder die andere Meinung zu bestätigen, sondern das Trommelfeuer der Rotationsmaschinen übertönen.

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