Die George-W.-Bush-Straße

Die Ćevapčići-Chroniken, Teil 1

Als 2015 hunderttausende Menschen nach „Kerneuropa“ drängten, war ich entlang der Balkanroute auf Urlaub. Daesh, der sogenannte „Islamische Staat“, wütete schon im Irak und in Syrien. Beide Länder wurden seit Jahren mit Blut geflutet. Und in Afghanistan packelte Daesh schon mit den Taliban, die immer noch die Zivilbevölkerung terrorisieren. Drohnenkrieg hin, MOAB her.

Während meine Stiefschwester, meine Partnerin, mein Bruder und ich im Ohridsee plantschten, wurden irakische, syrische, afghanische Kinder mit Knüppeln und Tränengas in Gevgelija attackiert. Mir kam das Kotzen. Dieser Tage war der LKW von Parndorf noch unvorstellbar.

Wir hatten selber Bedenken. Dass ausgerechnet unser ältester Bruder auszucken würde, überraschte doch. Er gibt sonst immer den über-integrierten, wirtschaftsliberalen Švabo und FAZ-Leser.

„Wir wollen heuer auch nach Albanien.“

„Ja, was wollt ihr denn da? Seid ihr verrückt?“

So und ähnlich, mal als Küchentisch-Psychologe, mal als Softcore-Großserbe, argumentierte er gegen unser Vorhaben.

Wir ließen uns trotzdem nicht abbringen. Ich kannte Albaner, auch vom Kosovo. Und aus Serbien und Kroatien wusste ich, Verrückte gibt es überall. Wie auch herzliche, vernünftige Menschen. Das ist ja das Dümmste am Balkan: Jedes Völkchen hier ist gastfreundlich. Aber sag dem 90er-Četnik oder dem Neo-Ustaša, da kommt jetzt ein Kroate oder ein Serbe zum Ćevapčići-Essen. Beide werden Vatis Vukovar-Kalaschnikow auspacken.

Wir kamen endlich nach Tirana. Die albanische Hauptstadt ist eine normale Balkanmetropole, wenn man von den abgefuckten Schlamm-Straßen fern der City absieht. Sie bietet zahllose Streuner, gute Küche, Roma, wunderschöne Frauen, potthässliche Männer, ausschließlich rücksichtslose Autofahrer, Ruinen aus sozialistischer Zeit, nationalistische Graffiti an allen Ecken.

In der Innenstadt wurden – wie überall in der Region – zuletzt zahlreiche Straßen umbenannt. Der sozialistische Duktus, die Partisanenehrung weicht Namen albanischer Nationalisten im Mutterland wie im Kosovo. Eine zentrale Straße ist zum Beispiel die Rruga Ibrahim Rugova, benannt nach dem bekannten kosovo-albanischen Politiker und Schriftsteller.

Dann gibt es noch die George-W.-Bush-Straße.

Ohne Witz: Im Osten des Stadtzentrums Tiranas befindet sich eine breite, gut 450 Meter lange Straße, an einem Ende mit breiten Gehsteigen, am anderen ausgefranst. Sie trägt den Namen des 43. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. Bush Junior war 2007 in Tirana auf Staatsbesuch. Daher wurde besagte Straße ihm zu Ehren umbenannt.

Gut ein halbes Jahr später, in seinem letzten Regierungsjahr, erklärte sich die Autonome Provinz Kosovo für unabhängig von Serbien. Im Kosovo leben vor allem ethnische AlbanerInnen.

Am 18. Feber 2008, Tags darauf, waren die USA unter den ersten sieben Staaten, welche die Unabhängigkeit anerkannten; neben Albanien, dem Vereinigten Königreich, der Türkei, Frankreich, Costa Rica und – festhalten – Afghanistan.

Bis auf die letzten beiden Staaten sind und waren das alles maßgebliche Mächte der NATO-Besatzungstruppe KFOR im Kosovo. Die US Air Force und Royal Air Force waren auch tonangebend in der Operation Allied Force, dem völkerrechtswidrigen Bombardement Jugoslawiens im Kosovokrieg 1999. Weder war der Bündnisfall eingetreten, noch hatte die UNO ein Mandat zum NATO-Angriff erteilt.

George W. Bush führte zweieinhalb Jahre später diese Tradition munter fort, diesmal mit einem UN-Mandat für eine völlig unverhältnismäßige Intervention in Afghanistan. In beiden Kriegen kamen widerliche Unworte wie „humanitäre Intervention“ und „Kollateralschaden“ in Mode. Und vom Irakkrieg wollen wir gar nicht erst anfangen.

Obwohl: All diese Kriege wurden und werden mit Vorwänden, mit Propaganda und Vertuschung von allen Seiten geführt. Bushs Administration war die erste, die seit Vietnam mit heftiger Kritik für ihre Sicherheitspolitik leben musste. Millionen gingen auf der ganzen Welt auf die Straße, um einen Krieg gegen das Zweistromland zu verhindern. DatenschützerInnen und Bürgerrechts-NGOs kritisierten den Patriot Act massiv, mit dem die Zivilbevölkerung in den Staaten unter Generalverdacht gestellt wurde. Trotzdem gilt er noch. Und der Patriot Act machte das Staatsschutzgesetz, das Islamgesetz usw. hierzulande erst möglich.

Vergessen wir nicht, dass es die Bush-Regierung war, die den Moslem an sich im Krieg gegen den Terror pauschal zum Sündenbock machte. Nur, um in Afghanistan eine „Islamische Republik“ zu gründen. Nun, in god they trust, too. Umsonst halt. Hinzu kamen CIA-Folterflüge, Abu Ghraib, Water Boarding. Bush Junior feierte all das.

Die genannten Kriege seiner Regierung sind der Ursprung vieler aktueller Krisen in Nahost. Sie haben keine Stabilität und keinen Frieden gebracht. Stattdessen entstanden immer neue Terrorgruppen, immer neue Fluchtgründe. Wobei, Terrorismus ist ja immer nur jener, der geopolitischen Interessen der NATO und Russlands im Weg steht. Bush Junior war ja bekanntermaßen der Präsident der Erdölindustrie. Da ist man schnell Terrorist oder Diktator, wenn man die eigenen Bodenschätze einbehält und kein Vasall sein will.

So wurde der methodistische Muslimhasser neben seinem Amtsvorgänger Bill Clinton Held albanischer Muslime (und orthodoxer wie katholischer Landsleute, ja ja).

Deshalb heißt die Rruga George W. Bush konsequenterweise so. Sie ist eine Seitengasse der Balkanroute.

Das Grätzel ist schön, und es gibt eine kommunistische Partisanenstatue hier. Ein Abstecher zahlt sich also aus. Wenn Sie mal in dieser Seitengasse spazieren gehen, vergessen Sie bitte nie, was George Walker Bush getan hat. Er tat es nicht allein, aber er ist hauptverantwortlich. In all der Postkartenmaler-Pressefreiheitsfan-Aura, die ihn gerade wegen seiner Trump-Kritik umgibt, dürfen wir nie vergessen: Bush Junior ist einer der größten Kriegsverbrecher und Menschenrechtsgegner der Geschichte. Und er ist immer noch auf freiem Fuß.

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