Montenegrinisch? Kenne ich nicht.

Die Ćevapčići-Chroniken, Teil 2

Crna Goro, du Perle an der Adria! Wo man nur von einem Becken der Bucht von Kotor in die nächste tuckern muss und trotzdem Seegang kriegt. Ringsum türmen sich steile, dunkel bewaldete Berge auf. Die geben dir den Namen. Denn die Gora, das kann sowohl ein Berg als auch ein Wald oder ein bewaldeter Berg sein. Und deine Wälder, Montenegro, sie sind wie deine Bucht: Dunkel und rätselhaft.

Rätselhaft sind auch deine Bankomaten. Als meine Mutter mal in Tivat Geld beheben wollte, leuchteten auf dem Monitor der Maschine gewohnt mehrere Optionen auf – unter anderem Englisch und Crnogorski, also Montenegrinisch.

Montenegrinisch?“, fragte sie kichernd, „Kenne ich nicht!“

Dann wählte sie demonstrativ Englisch aus.

Die Anekdote ist doppelt tragikomisch, wenn man die Sprachpolitik in (Ex-)Jugoslawien und meine Mutter kennt. Sie ist Lehrerin für Deutsch und Englisch. Anfang der 90er, als es noch Pflicht in meiner Zweit-Heimat Hessen war, gab sie auch muttersprachlichen Unterricht in Serbokroatisch (oder Kroatoserbisch, wenn man will). Ihr war wichtig, jedem Kind die jeweilige Eltern-Varietät dieser Sprache, den jeweiligen Dialekt der Familie zu lehren. Dabei machte sie nie Unterschiede nach der Herkunft. Im Kurs hieß es eh oft nur naš jezik, unsere Zunge.

Das gefiel einer kroatischen Arbeiterfamilie sehr gut. Darum schickten sie auch ihre jüngste Tochter Ivana weiter zu Mama in den Kurs und nicht in den einer Kroatin im Nachbarort. Und das mitten im Jugoslawienkrieg! „Überhaupt, mit diesen ganzen neuen Wörtern, damit kann ich nichts anfangen!“, sagte Ivanas Mutter, eine herzliche, kräftige Frau.

Genau genommen waren diese neuen Wörter alt: Mir erzählten kroatische und burgenlandkroatische Bekannte mal, wie Beamte aus Zagreb in den Neunzigern durch Gradišće reisten. Ihre Aufgabe sei es gewesen, im Burgenlandkroatischen erhalten gebliebene mittelalterliche Begriffe hervorzukramen. Diese sollten in eine neue kroatische Standardsprache fließen. Der nationalistische Präsident Franjo Tuđman trieb diese Suche angeblich persönlich voran. Damit wollte man sich krampfhaft gegenüber allem Slawischen abgrenzen, besonders aber gegen den serbischen Erbfeind. Dabei waren viele dieser Begriffe selbst slawischen Ursprungs.

Die Geschichte scheint dennoch plausibel. Ich saß mal für den Verlag BUM Media auf einem Podium, wo es um Muttersprache ging. Eine mittelalte Frau, die aufmerksam dem Balkan-Referat gelauscht hatte, fuhr dem Vortragenden scharf ins Wort. „Das ist nicht Serbokroatisch! Serbokroatisch gibt’s nicht! Serbisch und Kroatisch sind komplett verschiedene Sprachen!“

Ich hätte sie gerne mit dieser dreisten, hartnäckigen Lüge konfrontiert. Aber sie ging, bevor ich im Anschluss auf die Bühne kam. Mein Ex-Chef stammte aus Mostar. Er hatte mal gesagt: „Weißt eh, plötzlich konnten wir alle zwei, drei Fremdsprachen! Harr! Harr!“ Genau diese Haltung vertrat ich auf der Bühne, wie damals im Muttersprachlichen Unterricht. Und ich vertrete sie auch heute noch. (Besagte Frau war übrigens Kulturattaché der Kroatischen Botschaft.)

Es handelt sich eben nicht um drei Sprachen, die mit dem fürchterlichen Kürzel BKS zusammengefasst werden. Es handelt sich auch nicht um Montenegrinisch. (Wehe, irgendwer kommt jetzt auf die Idee, dem Trio ein M anzuhängen.)

Es ist schlichtweg gegen jede sprachwissenschaftliche Logik, das zu behaupten. Das wäre, als würde jemand Britisches und Amerikanisches Englisch zu zwei verschiedenen Sprachen erklären. Oder Tunesisches und Libysches Arabisch, Kubanisches und Argentinisches Spanisch. Wer krampfhaft versucht, aus Dialekten, aus regionalen und lokalen Unterschieden künstliche Grenzen in einer Sprache zu ziehen, der zerstört letztlich nur Brücken – wie die von Mostar.

Diese Position vertreten übrigens auch führende Intellektuelle vom Westbalkan. Kürzlich stellten sie sich in Sarajevo „Gegen gewaltsame Trennungen“. Sie plädieren für mehr Freiheit im Sprachgebrauch. Dabei solle jeder „unsere Zunge“ so nennen, wie er will. Mit dem ersten Teil gehe ich d’accord. Der zweite ist genau der Fehler, der schon unter Tito gemacht wurde und sich nicht wiederholen darf.

Darum ist es in diesem Fall vielleicht besser, das anfängliche Label Kroatoserbisch bzw. Serbokroatisch zu streichen und durch ein nicht-ethnisches zu ersetzen. Jekavica würde sich anbieten, in Anlehnung an die Namen der zwei Standard-Varietäten. Die Ijekavica wird vor allem in Kroatien, Bosnien und ja, auch Montenegro gesprochen, die Ekavica gerade in Serbien.

Einen gewichtigen Unterschied gibt es dann doch: KroatInnen und BosniakInnen benutzen ausschließlich die lateinische Schrift. In Serbien und Montenegro ist daneben noch das kyrillische Alphabet in Gebrauch.

Wir kennen das ja auch von hier: „Was die Österreicher und die Deutschen trennt, ist ihre gemeinsame Sprache.“

Der Sinnspruch ist übrigens nicht von Karl Kraus.

Foto: lasserbua – Mostar (CC BY 2.0)

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