Eastworld

Die Ćevapčići-Chroniken, Teil 3

Wenn man den Balkan als Themenpark versteht, gleicht er Delos. Das ist jenes Vergnügungszentrum aus dem Sci-Fi-Klassiker Westworld, welches die gleichnamige Wildwest-Attraktion betreibt. Im Balkan-Delos ist Mazedonien einer der Touristenmagnete: Eastworld. In Eastworld kann man alles erleben, was so ein Oststaat zu bieten hat: Das hitverdächtige „Hau-den-Flüchtling“; Roma-Bands (für Musik sind sie offenbar gut genug); richtig fettige Snacks; den Nationalisten-Wurstelprater Skopje 2014.

Die Erbauer der Hauptattraktion von Eastworld ließen sich nicht lumpen: Laut BIRN, dem westlich orientierten Balkan Investigative Reporting Network, pumpte die Regierung zwischen 2010 und 2015 gut 560 Millionen Euro in Skopje 2014. Ursprünglich waren 80 Millionen veranschlagt. Nicht, dass das viel besser wäre oder es keine Probleme in Eastworld gäbe. Doch der Kontrast zwischen kaputten Landstraßen, verarmten Massen und kitschigen Monumenten macht den Reiz erst so richtig aus.

Auf dem Ploštad Makedonija stehen jetzt auf alt getrimmte Bauten, zuckrig wie das Dornröschen-Schloss in Disneyland. Mittendrin sticht ein überlebensgroßes Reiterstandbild hervor. Es ist zweifelsohne Alexander der Große und mehr als 20 Meter hoch. In Gehweite erreicht man den gekünstelt klassizistischen Triumphbogen Porta Makedonija. Wie in Disneyland werden auch hier die Statuen bei Nacht angestrahlt. Überall sind Fontänen und Springbrunnen aufgestellt. Sogar im Vardar! Darauf muss man mal kommen: In einen Fluss Springbrunnen einbauen. Und auf den Brücken sowieso!

Im Vardar wurden auch zwei „Schiffe“ aufgebockt. Es braucht ja auch hier eine Piratenattraktion, klar. Da ist die „gastronomische Galeere“; von außen sieht sie wie ein gigantischer Lego-Bausatz aus. Innen hat man (eh, wie draußen auch) alle möglichen Stile vermischt. Antike makedonische Kriegerpuppen bewachen tonnenweise Sperrholz, Gips und Plastik. It’s fantastic. Im Fluss stehen auf Pfeilern auch traurige, deplatzierte Weiden.

Zu beiden Ufern des Vardars erheben sich barocke und historistische Gebäude aus diesem Jahrzehnt. Bislang gab es nie so eine Bauära in Mazedonien. In den Gebäuden sitzen Ämter, Ministerien, Büros und Museen, die Parkverwaltung halt. Sie soll den nationalistischen Kitsch nach Regierungsgeschmack verbreiten. Mit der nationalen Geschichte des Landes hat das wenig zu tun.

Alles wirkt so unecht, dass es echt sein muss.

Wie in Westworld gibt es auch in Eastworld Killerroboter. Zwei Modelle laufen hier herum: Polizist und Patriot. Ersterer ist fast immer gepanzert und verschießt Kugeln und Tränengas. Wenn der Polizist nicht schießt, nimmt er am bereits erwähnten Massenspaß „Hau-den-Flüchtling“ teil. Er bevorzugt aber Eastworld-Schausteller in Rollen der Opposition. Die kommt als Studi, als Albaner, links, rechts oder auch Journalist daher. 2011 ging einer der Studi-Schausteller namens Martin Neškoski in Eastworld leider drauf. Ein außer Kontrolle geratener Polizist schlug ihn tot. Polizisten in Eastworld sind für ihre Aggressivität besonders berüchtigt.

Ein Patrioten-Roboter wiederum schwenkt eine gigantische mazedonische Fahne oder bindet sie sich als Halstuch um. Er trägt auch Skimaske. Er tritt fast immer in Gruppen auf und liefert ein besonderes Spektakel. So stürmten vor genau einer Woche mehrere dutzend Patrioten das Parlament in Skopje.

Jetzt mal ernsthaft: Das ist alles wirklich passiert. Die PatriotInnen vom Bündnis „Einiges Mazedonien“ „holten sich zurück, was dem Volk gehört.“ So nannten es gewisse Trottel. Dem Angriff ging eine langjährige Krise voraus, mit allem, was dazugehört: Anhaltende ethnische Spannungen und Krawalle, Korruption (normal am Balkan), hohe Arbeitslosigkeit, Ausverkauf, hörige Medien und eben Polizeibrutalität. Letzten Sommer mündete die Krise in die Šarena Revolucija (Bunte Revolution). Im Dezember kam es zu Neuwahlen. Langzeit-Premier Nikola Gruevski gewann diese zwar mit seiner nationalkonservativen VMRO-DPMNE, brachte aber keine weitere Regierung zusammen. Gjorge Ivanov, der per VMRO-Ticket Präsident Mazedoniens ist, wollte die Sozialdemokraten und albanische Parteien nicht mit der Koalitionsbildung betrauen. Sie haben seit den Neuwahlen aber eine Mehrheit in der Sobranie (Parlament).

Als sich die Oppositionsparteien daranmachten, trotzdem rechtswidrig eine Regierung zu bilden und den Ex-UÇK-Terroristen und Ex-Offizier Talat Xhaferi zum Parlamentspräsidenten wählten, war es aus. Kurz nach dem Gelöbnis Xhaferis wurde die Sobranie gestürmt. Über hundert Menschen wurden verletzt, darunter Sozen-Chef Zoran Zaev und der rechte Albaner-Vertreter Ziadin Sela. Er liegt seither auf der Intensivstation. Die Polizei räumte das Parlament erst nach Stunden. Präsident Ivanov rang sich im Fernsehen einen zaghaften Aufruf gegen Gewalt ab.

Der Mob behauptete, George Soros hätte bei der Angelobung Xhaferis seine Finger im Spiel gehabt. Überhaupt, Soros und die AlbanerInnen würden sich in Mazedonien zu viel herausnehmen. Als ob Minderheiten so starke Rechte am Balkan hätten.

Dabei vergessen die Patrioten, dass Xhaferi 2013-2014 Verteidigungsminister unter Gruevski war. Der aktuelle Vize ist ebenfalls albanischer Mazedone. In Skopje 2014 sind sogar albanische Nationalhelden verewigt, etwa am Ploštad Skanderbeg. Die „Menschenfreundin“ Mutter Tereza, eine in Skopje geborene Albanerin, ist mit Statuen, einer Gedenkstätte in der Hauptstadt und einer Autobahn verewigt. Damit hoffte Gruevski die AlbanerInnen im Land ruhigzustellen.

So, wie Polizei und Patrioten über Jahre Verfassung und Gesetz beugten, so führen sich auch die lautesten unter den Albaner-Parteien auf. Xhaferi etwa legte seinen gestrigen Einstand als Defacto-Präsident der Sobranie provokant an: Auf dem Schreibtisch seines Amtszimmers waren nicht nur ein mazedonischer und ein europäischer Wimpel. Ihm am nächsten prangte der schwarze Doppelkopfadler auf rotem Grund, das Wappentier Albaniens. Hinter dem Politiker, prominent platziert neben dem Gemälde einer stillenden Mutter, stand noch ein albanischer Wimpel. Nochmal: Xhaferi ist Präsident der Sobranie, nicht des Kuvendi i Shqipërisë. Als ob es neue Krawalle von welchen Nationalisten auch immer braucht.

Foto: Original by Dennis Jarvis on flickr – Macedonia-02786 – Warrior on a Horse (CC BY-SA 2.0)

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