Erinnerungen an Kroatiens Adria

Die Ćevapčići-Chroniken, Teil 4

Im Juli 1990 führte unser Urlaub auf die Brijuni. Ich war etwas über zwei, daher erinnere ich mich nicht bewusst daran. Die Familie meines Onkels Ljupčo war dabei. Es gibt Videos und Fotos. Auf einem sieht man mich im Kinderwagen, flankiert von meinen Brüdern, dahinter meine Eltern. Meine Mutter dachte sich: „Hach, hier werde ich immer meinen Urlaub verbringen!“

Andere Bilder zeigen die SkopjeSergievskis (Ljupčos Familie) in grellen Badehosen, Köfte-Version von Baywatch quasi. Die Dauerwelle meiner runden Tante glüht wie immer feuerrot, ihr Sohn Pepi sucht etwas im Wasser. Deni, sein älterer Bruder, trägt im Schatten eine dieser Flieger-Sonnenbrillen. Er hat gerade den Wehrdienst beendet. Zum Glück. Ein Jahr später geht alles den Bach runter.

[Edit 18.5.17: Mein Vater meinte kürzlich, die Fotos von Ljupčos Familie seien gar nicht auf den Brijuni, sondern in Ohrid entstanden, vermutlich im Sommer darauf.]

Alle lachen, sind gut drauf. Ein schöner Urlaub, werden alle sagen, die bewusst da waren. Irgendwer pflanzt mir die Erinnerung ein, dass es hier auch Eis und eine Videospielhalle gab.

15 Jahre nach den Brionischen Inseln sind wieder Sommerferien, und diesmal ist meine erste Freundin Doro dabei. Ein Segeltrip. Ich war gerade wenige Jahre in der linken Szene aktiv, hatte viel gelesen, besonders über Geschichte. Mamas Papa kam nicht von hier, aber dennoch ist Vis wichtig. Denn Opa Rade war Partisan unter Tito. Vis war vom Juni bis Oktober 1944 quasi Hauptstadt des neuen Jugoslawiens. Hier hatten die höchsten Organe der Guerillaverwaltung ihren Sitz. Die Höhle, in der der Generalstab der Volksbefreiungsarmee tagte, ist heute noch ein Denkmal.

Deshalb sind Doro – gebürtige DDR-Bürgerin – und ich besonders gespannt. Es ist quasi eine Wanderung auf Rades Spuren. Er starb, als ich ein Baby war.

Unser Sightseeing gestaltet sich dann doch etwas anders. Wir werden von meinem Stiefvater losgeschickt, Sachen einzukaufen. Aber auf so einer kleinen Insel gibt es nicht mal eben einen Billa oder Spar am Eck. Wir erfahren, dass der nächste Laden im Nachbardorf ist, kilometerweit weg. Kein Rad, kein Bus, kein Taxi. Über dreißig Grad unter der adriatischen Sonne. Also gehen wir los, entlang der Schotterpiste.

Es gibt sogar zwei Greissler. Im ersten kriegen wir aber nicht alles, was wir brauchen. Also gehen wir weiter zum Dorfplatz. Da soll der zweite dućan sein. In der prallen Mittagshitze sitzen Teenager mit mehreren Schnapsflaschen. Sie sind schon merklich angeheitert und fläzen sich auf den Stufen einer weiß-blau gestrichenen Hütte. Nanu, Santorini? Dom Veterana Domovinskog Rata prangt auf einem Schild über den Burschen. Ich wundere mich. Die Kroaten nennen den Zweiten Weltkrieg auch so? Nach allem, was war? Obwohl, man gibt sich eh einen antifaschistischen Anstrich. Gegen die Nazis, Italien und Serbien gleichermaßen. Und da fällt der Groschen: Es ist ja gar nicht der Große Vaterländische Krieg, der auf dem Taferl beschworen wird, sondern schlicht und einfach der Vaterländische Krieg. Das Gespräch der Bsuffkis bestätigt meine dunkle Ahnung.

Also ich hasse Serben am meisten.“

Srbe na Vrbe, haha!“*

Aber geh, Slowenen, und Moslems, DIE sind schlimm, die gehören aufgeknüpft!“

Ein Scheiß, ich sag’s dir, Serben, Serben sind das größte Übel.“

Wenn ich nur einen šipac in die Finger bekäme!“**

So viel Angst empfand ich zuletzt, als mir mal Nazis am Frankfurter Hauptbahnhof auflauerten und mich bis zu einer Gruppe türkischer Bauarbeiter verfolgten. Die Hackler stellten sich vor mich. Der Kleinste war an vorderster Front, die muskulösen Arme vor der Brust verschränkt. Ein breites Grinsen blitzte unter dem schwarzen Schnauzer hervor. „Warum jagen die dich?“, fragte Süper Mariö dann. „Weil ich Kommunist bin.“ Als ob die Buttons und der Iro nicht eindeutig waren. „Scheisä Nazis“, sagte Süper Mariö, „jagen gute Menschen!“ Na, wen sonst?, dachte ich.

Aber hier sind keine Hackler, die mich beschützten. Ich sage lieber nichts, denn ich spreche die Ekavica. Also flüstere ich Doro nur zu: „Sprich nur Deutsch mit mir.“

Nicht, dass Doro je unsere Zunge gelernt hätte, aber sie schaltet schnell. Im Laden beeilen wir uns, murmeln dem Kassier ein knappes „Hvala“ zu und schleichen uns rasch wieder.

Es gibt aber auch ein anderes Kroatien. Gleich auf Vis erinnert eine Steintafel an einer Schule an die Partisanen, die im Vorgarten begraben sind. Ein pathetischer Spruch ist da eingemeißelt, irgendwas wie „Gefallen für den Aufbau des Sozialismus in einem freien Jugoslawien“ oder so. In Ijekavica.

Und 2011, im ersten Adria-Urlaub mit meiner Partnerin Annemarie, empfängt uns die quirlige Vermieterin in Split ungemein herzlich: „Na, ich wusste doch, dass Sie ein Unsriger sind!“ In einer Wohnung im Diokletianspalast lebt ein Großmütterchen, das ähnlich denkt. „Scheiß auf den Krieg“, sagt sie, „wir sind eins. Wir sind Jugoslawien.“

In diesem Sinne, zu 72 Jahren Befreiung: Smrt fašizmu – sloboda narodu!

Hvala, liebe partizanke und partizani. Vielen Dank vor allem dir, Opa.

*Hängt die Serben an den Weiden auf! Chauvinistischer Slogan, der erstmals am Vorabend des Ersten Weltkriegs auftaucht. Der slowenische Politiker Marko Natlačen prägt ihn in einem Gedicht. Spätestens im Jugoslawienkrieg entdecken ihn auch kroatische Nationalisten für sich.

**šipac oder šiptar – (m.) Von der Selbstbezeichnung der Albaner als Shqiptarët abgeleitetes Schimpfwort für selbige. Es ist in ganz Ex-Jugoslawien geläufig.

Foto: Generalstab der Volksbefreiungsarmee Jugoslawiens auf Vis (public domain).

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