Assads Nazis: Wer zur Hölle ist die SSNP?

Die syrische Tragödie bietet wenig Raum für „Good Guys“, aber eine elendslange Liste an Schurken, an deren Spitze je nach Perspektive die Dschihadistenmiliz IS oder das Assad-Regime steht. Walter Benjamins scharfsinnige Bemerkung, wonach sich hinter jedem Faschismus eine gescheiterte Revolution verbirgt, scheint auch für den mit aller militärischen Härte niedergeschlagenen, zivilen Aufstand in Syrien zu gelten. Gerne inszeniert die Anhängerschaft Bashar al-Assads, dessen Vorgehen als Verteidigung der säkularen syrischen Republik vor dem Islamofaschismus. Angesichts der gut dokumentierten Gräueltaten der IS-Kämpfer wirkt dieser Spin fast schon glaubwürdig. Allerdings nur fast – denn angefangen von der Islamischen Republik Iran bis hin zur libanesischen Hisbollah kämpfen gerade auf Seiten des syrischen Regimes genügend Gruppen, die wohl kaum als „anti-faschistisch“ durchgehen. Zu ihnen gesellt sich die wenig bekannte, aber schon seit den1930ern bestehende Syrische Sozial-Nationalistische Partei (SSNP).

Die SSNP ist eine in Syrien und im Libanon aktive Partei, deren Mitglieder hauptsächlich aus den christlichen Minderheiten rekrutiert werden. Vor dem Krieg war die Partei eher als seltsame rechte Politsekte verschrien, doch mittlerweile ist sie zur zweitgrößten politischen Kraft  im „offiziellen Syrien“ avanciert und soll fast 100.000 Mitglieder haben.  Nun ja, „rechte Politsekte“ mag wohl etwas verharmlosend anmuten, immerhin war ihr Gründer, der libanesische Christ Antun Saadeh, ein glühender Verehrer Hitlers und des Dritten Reiches. In seinem Buch „Die Araber und der Holocaust“ beschrieb der Politikwissenschaftler Gilbert Achcar die SSNP als „ in fast jeder Hinsicht ein levantinischer Klon der Nazi-Partei: in ihrer politischen Ideologie, einschließlich ihrer Aufklärungsfeindlichkeit, und ihrer geografisch-rassisch-nationalistischen Theorie mit pseudowissenschaftlichen Anstrich ebenso wie in der Organisationsstruktur und im Führerkult.“ (S.77) Besonders entlarvend ist die vom Nationalsozialismus inspirierte Parteifahne in rot und schwarz, mit einer vierzackigen Schraube anstelle des Hakenkreuzes. Heute leugnen SSNP-Mitglieder gerne diesen Nazi-Bezug.  Die Fahne wurde umgedeutet, indem die vierzackige Schraube – das Symbol für den Wirbelsturm – als eine Zusammensetzung aus Kreuz und Mondsichel präsentiert wird. Ein Versuch, auch für andere Gruppen, allen voran der muslimischen Mehrheitsgesellschaft, akzeptabel zu sein. Zumal die SSNP lange Zeit eher für ihre Ablehnung des Islam als eine minderwertige arabisch-beduinische Religion bekannt war.

Die Sozial-Nationalisten geben sich mittlerweile gemäßigter. Doch christlicher Fanatismus, Antisemitismus, Rassismus (v.a. gegen Afro-AraberInnen) und der Gedanke einer Überlegenheit der syrisch-mediterranen Zivilisation bleibt nach wie vor ein fixer Bestandteil ihrer Ideologie – ein Blick auf die Aktivitäten von SSNP-Anhänger in Sozialen Medien reicht zur Genüge. Trotzdem scheinen sie in den Gebieten, die vom Assad-Regime kontrolliert werden, immer beliebter zu werden. Das liegt zum einen an ihren höchst aktiven Jugendverbänden, die nicht nur die pro-Regime Demonstrationen mitorganisieren, sondern als eine Art Grassroots-Bewegung das politische Leben in den Straßen mitgestalten. Zum anderen liegt der Popularitätsschub am militärischen Flügel der SSNP, die selbsternannten „Adler des Wirbelsturms“ (Arab. Nusur al-Zawba’a), die mit wahrscheinlich 8.000 Mann nicht besonders groß, aber durchaus erfolgreich sind. Ihre Waffen erhalten sie von der syrischen Armee und ihr Training mitunter von Russland und der libanesischen Hisbollah. Die Adler sind u.a. in Homs, Damaskus und Tartous stationiert. Aktiv sind sie auch in einigen Vororten von Damaskus wie z.B. Ghouta . Von großer strategischer Bedeutung sind aber die Stellungen im Norden Latakias, darunter auf dem Jabal Turkman, dem Jabal al Akrad, oder in den Ortschaften Salma und Ghannam. Diese sind Nahe der türkischen Grenze und stellen die Versorgungsroute für den Al-Qaida-Ableger Dschabhat Fatah asch-Scham (ehem. Nusra Front) und den mit ihr assoziierten tschetschenischen und turkmenischen Kampfeinheiten.

Das Engagement der SSNP auf Seiten Assads bleibt nicht ungewürdigt.  Sie  ist Teil der Volksfront für Wandel und Freiheit, die derzeit führende un vom Regime tolerierte Opposition im syrischen Parlament. Außerdem stellt Parteichef Ali Haidar immerhin den Staatsminister für Nationale Versöhnungsangelegenheiten. Die Adler des Wirbelsturms wurden nicht wie viele andere Milizen in die Armee eingegliedert, sondern dürfen unter eigener Fahne und Namen in den Kampf ziehen. Und am wohl wichtigsten für die Partei: Die Vorfeldorganisationen der SSNP können unbehelligt ihre Propaganda verbreiten. Ihre Beliebtheit beschränkt sich längst nicht mehr nur auf Christen. Unter ihren Kämpfern sollen sich auch Angehörige anderer Gruppen befinden wie Drusen, Alawiten, Ismailiten oder Schiiten.  Auch die berüchtigte pro-Assad-Trollin Maram Susli(a.k.a Mimi al-Laham oder Partisangirl) weist sich in Sozialen Medien immer wieder als Fan der SSNP aus. Berührungsängste mit Rechtsextremen hat Frau Susli bekanntlich nicht – 2016 referierte sie am Kongress  ,,Europäisches Forum Linz – Verteidiger Europas”.

Ganz nüchtern betrachtet ist der politische Einfluss der Sozialnationalisten nach wie vor sehr überschaubar. Dennoch gewinnt ihre Ideologie zunehmend an Attraktivität. Dabei wesentlich ist, dass sie sich ethnisch nicht als Araber definieren, sondern als Nachkommen der Phönizier. Die vom Gründungsvater Saadeh entworfene diffuse Ideologie (eine Art „Phönizianischer Pansyrismus“) war daher auch immer ein Gegenentwurf zum dominierenden Arabischen Nationalismus, der in den Augen der Sozialnationalisten viel zu sehr in der „sunnitischen Kultur“ verwurzelt war.  Ihr ideologischer Dreh- und Angelpunkt ist das Streben nach einem geeinten Großsyrien (Arab. Bilad asch-Scham), dem sogenannten Fruchtbaren Halbmond, und dieser sieht folgendermaßen aus: „Unser Syrien hat eindeutige natürliche Grenzen und erstreckt sich vom Taurus im Nordwesten zum Zagros-Gebirge im Nordosten, zum Suezkanal und dem Roten Meer im Süden, inklusive dem Sinai und dem Golf von Akaba, und vom Syrischen Meer im Westen, einschließlich der Insel Zypern, bis hin zum Bogen der Arabischen Wüste und dem Persischen Golf im Osten.“ Wer die Nahost-Berichterstattung der letzten Jahre aufmerksam mitverfolgt hat, dem sollten diese Ausführungen bekannt vorkommen. Richtig, es handelt sich hierbei um genau jenes Großsyrien, dessen Eroberung sich auch der IS (vormals Islamischer Staat in Irak und Großsyrien) zum Ziel gesetzt hat. Dies ist kein Zufall. Die Idee eines geeinten Bilad asch-Scham hat in Syrien derzeit Konjunktur und ist ebenso fixer Bestandteil in der Rhetorik des syrischen Regimes und der führenden Baath-Partei – einer Partei, die eigentlich in der Tradition des Panarabismus steht. Aber wenn der Krieg in Syrien eines zeigt, dann dass der Traum einer arabischen Einheit endgültig zu Grabe getragen wurde.

Bildquelle: Facebook

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