Nazis in Nordslowenien

Die Ćevapčići-Chroniken, Teil 5

Ich gebe zu: Bevor ich nach Österreich kam, hatte ich mich nie großartig mit Slowenien befasst. Klar, man hatte schon mal einen oder eine gesehen, und man kannte die Vorurteile: Die wollten eh nie zu uns gehören, noch weniger als Kroatien. Halten sich aber wenigstens für Slawen, das sagt schon ihr Eigenname. Slowenisch ist tatsächlich anders, obwohl viele – auch Teenager – daneben Ekavica oder Ijekavica sprechen. Dennoch sind die Leute hochnäsig und überkorrekt, fast deutsch. Heißt es. SlowenInnen sind emsige Arbeitsbienen, gelten als klug und zivilisiert.

Der Westen mag die Alpenjugos genau wegen dieser Eigenschaften. Zudem hatte sich Ljubljana zwar auch gewaltsam, aber vergleichsweise unblutig und rasch von Belgrad getrennt. Die wirtschaftliche Entwicklung ist beachtlich, wenngleich die jüngste Neuverschuldung zwei Mrd. Euro beträgt. Es gibt auch Widerstand gegen Privatisierungen, etwa im Hafen von Koper. Die SlowenInnen wehren sich auch gegen die Änderung sozialistischer Straßennamen und der Staat streitet mit Kroatien um Küstenstreifen an der Adria. Das Land ist relativ stark im Eishockey, es gibt seit zwölf Jahren (!) eine vorbildliche Datenschutz-Ombudsstelle.

Sloweniens Beitrag zur Weltkultur? Zum einen der streitbare, schrullige Philosoph Slavoj Žižek. Und dann ist da noch eine sehr schräge, sehr sarkastische Anarcho-Band, die sich 1980 den deutschen Namen Ljubljanas gab: Laibach.

Laibach setzen sich seit jeher provokant mit Ideologien und politischen Systemen auseinander. Dabei schrecken sie nicht davor zurück, mit faschistischer Ästhetik und Totalitarismuskritik zu spielen. Gute Beispiele dafür sind die Clips zu The Whistleblowers und Tanz mit Laibach.

SlowenInnen sind für mich vor allem seit meinem Umzug nach Österreich Thema. Die Deutschen im „Altreich“ hatten in ihrem Wahn die meisten Minderheiten ausgerottet, sieht man von der sorbischen und dänischen ab. In der „Ostmark“ überlebten zehntausende Kärntner (und Steirer) SlowenInnen, BurgenlandkroatInnen, Sinti und Roma, Wiener TschechInnen und SlowakInnen. Natürlich waren die „Ostmärker“ und ihre Frauen nicht gütiger oder weniger fanatische Nazis. Und natürlich waren (Kärntner) SlowenInnen nicht nur PartisanInnen. Im Mutterland formierten sich unter deutscher Anleitung die „Slowenische Heimwehr“ (Slovensko domobranstvo, SD), das nordadriatische „Slowenische Nationale Sicherheitscorps“ (Slovenski narodni varnostni zbor, SNVZ) und in der Gorenjska (Oberkrain) die regionale „Heimwehr“ (Gorenjsko domobranstvo).

England übergab zumindest 10.000 Heimwehrler und 50.000 Ustaše (lese: Ustasche) sowie kroatische Soldaten an die PartisanInnen. Diese forderten Rache für die Verbrechen der Gefangenen. Im Mai und Juni 1945 wurde der Großteil von ihnen dann ohne Verfahren getötet. Diese Vergeltungsaktionen an der slowenisch-österreichischen Grenze gingen als „Massaker von Bleiburg“ in die Geschichte ein. Zagreb behauptet, bis zu 300.000 Menschen seien abgeschlachtet worden, hat bislang aber keine stichhaltigen Beweise hierfür geliefert.

Während die deutschsprachigen KärntnerInnen die alten, gesetzmäßigen Rechte der slowenischen Volksgruppe auch nach 1945 nicht anerkannten (Stichwort Ortstafelstreit), dulden sie und die Behörden seither faschistische Gedenkfeiern. Einerseits am Ulrichsberg, andererseits in Bleiburg/Pliberk. Seit Jahrzehnten findet hier ein „Heldengedenken“ unter der Patronanz der katholischen Kirche in Kroatien statt. Offiziell ist es eine religiöse Veranstaltung, weshalb das Versammlungsgesetz nicht greift. VICE hat eine lesenswerte Reportage vom letzten Treffen mitgebracht. Demnach nahmen 10.000 Personen an der heurigen Veranstaltung teil – Hitlergrüße, Nazi-Verharmlosung sowie Ustaša-Uniformen inklusive.

Auch diese Veranstaltungen und der Umgang mit Minderheiten sind Gründe, weswegen Kaiser Robert Heinrich I. alias Robert Palfrader Kärnten als „Nordslowenien“ bezeichnet. „Wir sind Kaiser“ nimmt immer wieder bitterbösen Bezug auf die Landespolitik, die Ära Haider und ihre Auswirkungen auf die Gegenwart. Immerhin bekennt sich Klagenfurt im Entwurf der neuen Landesverfassung explizit zur slowenischen Minderheit. Ljubljana und Volksgruppenverbände begrüßen den Entwurf, der im Juni den Landtag passieren soll.

Die Haltung Ljubljanas zu Nazis ist klar: Man mag sie nicht und toleriert sie nicht. So hat Maribors Polizei empfohlen, ein Konzert der kroatischen Gruppe Thompson aus Sicherheitsgründen zu untersagen. Es sei nicht ausgeschlossen, dass der geplante Auftritt am Samstag für Straftaten missbraucht würde, so die Polizei gegenüber der Nachrichtenagentur STA.

Maribor hörte auf die Polizei. Die Rechtsrocker Thompson, die mal gerne Verbrechen Kroatiens im Zweiten Weltkrieg glorifizieren, waren schon in Kremsmünster abgeblitzt. Nach heftigen Protesten hatte die Gemeinde den Gig untersagt. Dass in Slowenien der Staat von sich aus aktiv wird, macht ihn sehr sympathisch.

 

Foto: Kriegsgefangene Ustaša-Milizen und kroatische Soldaten an der slowenisch-österreichischen Grenze, Mai 1945. Urheber unbekannt, public domain. Quelle: wikipedia

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