Alles Walzer, alles brennt

Kämpferischer Dreivierteltakt – eine Rezension

Bereits der Titel „Alles Walzer, alles brennt“ verweist auf eine Gegensätzlichkeit, die das Rahmenwerk ihrer Inszenierung bildet: Während die Herrschenden der Habsburgermonarchie um die Jahrhundertwende Walzer tanzend über die Parkette fliegen, mussten große Teile der Bevölkerung in Elend darben. Die „soziale Frage“ wird entlang dieser Gegensätzlichkeit zum Dreh- und Angelpunkt der Inszenierung Christina Eders, die von der Musikerin Eva Jantschitsch („Gustav“) begleitet wird.

In „Alles Walzer, alles brennt“ erhält Zeitgeschichte dadurch ein neues, kämpferisches Antlitz: Aus Perspektive der frühen Arbeiter- und Frauenbewegung schildert die Inszenierung Eders eine Geschichtsschreibung, die sich gegen historistisch-lineare Herrschaftschronologien sträubt. Die Zeitspanne oszilliert zwischen 1883 und 1934, dem Jahr des österreichischen Bürgerkrieges. Damit befindet sich Eders Schilderung eben bewusst zwischen den epochalen Stühlen und trotzdem inmitten einer Zeit des Umbruchs, am Ende der finalen, blutigen Wirren eines „langen 19. Jahrhunderts“ ebenso wie zu Beginn des „Zeitalters der Extreme“. Eder aber legt ihren Fokus auf die Geschichte der ArbeiterInnen- und Frauenbewegung, sie lässt ihre ProtagonistInnen rund um Viktor Adler, Adelheid Popp und Otto Bauer zu Wort kommen, der junge Friedrich Adler, Kriegsgegner und Attentäter des damaligen k.k. Ministerpräsidenten Stürkgh, tritt ebenso in einer Episode auf.

Gleich zu Beginn des Stücks entfaltet sich die Augenscheinlichkeit des Klassenkampfes anhand einer Ballszene in der Hofburg, der eine Passage über die Situation der Wiener Ziegelarbeiter folgt. Im Schnelldurchlauf folgen sodann Wegmarken der österreichischen Frauen- und Arbeitergeschichte, von der Gründung der österreichischen Sozialdemokratie bis hin zur Einführung des Frauenwahlrechts. Die Frontverläufe und politischen Entwicklungen im Ersten Weltkrieg – in Geschichtsbüchern zentrales Moment – werden dabei zur Randnotiz. Seine Konsequenzen sind jedoch allgegenwärtig: Elend, Traumatisierung, Tod und Not. Als Resultat folgen progressive Entwicklungen, die in die Phase des Austromarxismus rund um das Rote Wien münden. Dieser Etappe widmet  Eder viel Raum in der Inszenierung. Bildungsreformen, sozialer Wohnbau etc. sind die Errungenschaften einer Periode, aus denen die Stadt Wien –, etwa hinsichtlich Wohnbau oder Infrastruktur – nach wie vor schöpfen kann.

Die Zäsur im Stück – wie im zeitgeschichtlichen Geschehen – bildet der Aufstieg des Austrofaschismus bzw. die Etablierung des österreichischen Ständestaates auf Bundesebene – samt und sonders aller dramatischen Entwicklungen dieser Zeit, von den „Schüssen von Schattendorf“ bis hin zum Justizpalastbrand 1927 und schließlich in die autoritären Umstände. Mit dem Bürgerkrieg von 1934 und dem Artilleriebeschuss von Wiener Gemeindebauten endet der dramatische arbeitergeschichtliche Streifzug Eders. Dass Geschichte jedoch nicht abgeschlossen ist, macht ein Monolog am Ende sehr deutlich, der mit einem sinngemäßen „das war’s?“ endet – und damit nicht nur zur aktiven bzw. aktivistischen Teilhabe an aktuellen politischen Prozessen aufruft, sondern es – mahnend – als Notwendigkeit darstellt.

Die musikalische Begleitung Eva Jantschitschs und Band (Gustav) liefert hierfür den perfekten Soundtrack. Der Anglizismus ist deswegen besonders passend, da es Jantschitsch gelingt, Altes mit Neuem zu verweben: So findet sich das kämpferische Lied „Die Arbeiter von Wien“ nebst populärkultureller Interpretationen wieder – hier wird die subtile Verbindung von blutiger Vergangenheit umkämpfter Gegenwart und ungewisser Zukunft deutlich, die eine der großen Stärken dieser Inszenierung ist.

Besonders spannend ist in diesem Zusammenhang auch der Rekurs auf etliche Originaltexte, die im Stück dramaturgisch einwandfrei aufbereitet werden. Die schauspielerische Leistung bildet im gesamten Stück ein zusätzliches „Schmankerl“, nicht nur ob der dialektalen Einsprengsel und der humoristischen Verweise – etwa auf das triefende Musical Elisabeth, das die oberste Sprosse der sozialen Leiter zum Thema hat. Rasante Rollenwechsel verleihen „Alles Walzer, alles brennt“ eine rauschende Dynamik im kämpferischen Dreivierteltakt, die es dem Zuseher unmöglich macht, zu ermüden. Gerade auch an der Kostümierung der SchauspielerInnen wird deutlich, dass Eder hier zeitübergreifende Verbindungen schaffen möchte: Der Perücke und dem kaiserlichen Rock steht so die Trainingshose und das Unterhemd des 20./21. Jahrhunderts gegenüber.

Christina Eder gelingt mit ihrem Stück nicht nur das Aufwerfen einer alternativen historischen Perspektive der Sonderklasse, weil Arbeiterklasse … und weil es ihr gelingt, subtil an zeitgenössische Diskurse (Stichwort: Rechtsruck, Stichwort: Sehnsucht nach Autoritarismus, Stichwort: „multiple Krise“, aber auch: Krise der Sozialdemokratie) anzuknüpfen.

Es gab meines Erachtens weder an der Inszenierung noch am Drehbuch etwas auszusetzen. Dementsprechend fiel die Reaktion des Publikums aus, das die Darbietung mit stehenden Ovationen feierte. Wer das Haar in der Suppe sucht, wird lediglich inhaltlich minimalst fündig: So sehr ein Loblied auf das Rote Wien in Zeiten sozialer Polarisierung eine Wohltat darstellt, so wenig kommen die – zeitgeistigen – Schattenseiten im Stück zum Tragen: Auch die Architekten des Roten Wiens träumten von der Schaffung eines „idealen Menschen“ und waren damit etwa für eugenisches Gedankengut anfällig. Die Oktoberrevolution bzw. die Entwicklungen in Russland werden zudem in keinem Atemzug erwähnt. Gerade auch zum 100-jährigen Jubiläum dieser Ereignisse und aufgrund der Tatsache, dass die Entwicklungen in Russland und im Austromarxismus sehr wohl reflektiert wurden, wäre ein kleiner Bezug wünschenswert.

Andererseits: Ein Theaterstück ist keine historische Abhandlung – nebst dieser minimalsten Schwächen verdient „Alles Walzer, alles brennt“ zurecht das Prädikat „unbedingt sehenswert!“.

Am 5. Juni wird „Alles Walzer, alles brennt“ zum vorerst letzen Mal aufgeführt. 

Mehr zum Stück:

Alles Walzer, alles brennt

von Christine Eder
Eine Untergangsrevue
Regie: Christine Eder,
Musik: Eva Jantschitsch

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