Machos im Netz und auf der Straße

Ein Freund schmunzelte am Samstag: Wenn man alle SPÖ-ler, die letzte Woche einen sexistischen Scheiß abließen, zum Rücktritt bewegte, wäre Michael Häupl vermutlich seit Dienstagmittag im Ruhestand. In ganz Wien blieben nur noch eine Handvoll FunktionärInnen und PolitikerInnen über.

Und was soll das überhaupt bringen, wenn die Machos ihre Posten verlieren? Sie bleiben ja trotzdem da draußen, im Netz, auf der Straße, im Büro. Und der Machísmo bleibt tabuisiert in der Linken.

Es gibt sexistischen Blödsinn*, der kriminell und gefährlich ist, genauso wie manch rassistischer Blödsinn. Der gehört archiviert, gemeldet, angezeigt, bei Bedarf geblockt, gelöscht. Aber auf Vergewaltigungsdrohungs-Niveau waren Götz Schrages Äußerungen nicht. Echte Debatten um solchen Sexismus bringen viel mehr als gehorsamst-feige Post-Löschungen des quasi unbekannten Neubauer SPÖ-Aparačiks.

Götz Schrage kann man immer noch kritisieren, weil seine Entschuldigung halbseiden war – er sei ja nur missverstanden worden. Der Klassiker! (Und sein Engagement in der Asylfrage ist auch kein Persilschein. Es gibt auch frauenfeindliche Flüchtlinge und schwule Sexisten. Meine Güte, es gab und gibt sogar schwule Nazis.) Dass sich die angesprochene ÖVP-Funktionärin Elisabeth Köstinger aus der Debatte raus hielt, sich anscheinend gar nicht betroffen fühlte, ist individuell stark, macht das Ausgangsposting aber nicht minder sexistisch.

Dennoch muss mensch sich wundern, mit welcher Vehemenz der Shitstorm Schrage gerade aus den eigenen Reihen entgegen bläst – von Richard Schmitt und seinem heuchelnden Tittenblättchen rede ich jetzt nicht, auch nicht vom wechselhaften Antisexismus gewisser Falter-Redakteure. Staatssekretärin Muna Duzdar, die eine vielbeachtete Kampagne #GegenHassimNetz fährt, war eine der ersten hochrangigen SozialdemokratInnen, die Schrage zum Rücktritt aufforderten. Kein Wort zur unerbittlichen Härte, die ihm zuströmt. Immerhin gibt es konsequente SPÖ-lerInnen, die bei Vavrik, Franz, Schrage und Sexismus gegen Rechts in immer gleicher niveauvoller (!) Härte debattieren.

Nein, mit explizitem Hass (im Netz) hat die Causa Schrage, die berechtigte Kritik an ihm kaum bis nichts zu tun, aber auch nicht immer mit Sachlichkeit. Mit Verhältnismäßigkeit ebenso wenig.

Wo war denn etwa der Shitstorm, wo waren die krachend widerhallenden Rücktrittsforderungen der linken wie linkslinken SPÖ-Granden und Sekt(ion)en, als Hans Niessl eine Koalition mit den Freiheitlichen einging? Wo ist die effektive Abwehr des Rechtsrucks in der SPÖ? Nein, ich meine nicht die x-te Reorganisation „der echt linken“ oder „echt sozialistischen“ wie „echt sozialdemokratischen“ Kräfte in der Sozialdemokratie. Und ich meine auch keine rot-blauen Profilbild-Taferln mit einem „NEIN“, die sich viele wackere Facebook-AktivistInnen verpassten.

Was ist das für ein Bollwerk gegen Rechts, das sich von Blau und Schwarz seit Jahrzehnten die Migrations- und Sicherheitspolitik diktieren lässt und sie nun von rechts überholt? Warum hat Duzdar dieses fürchterliche Integrationsgesetz mitgetragen, es verteidigt, wo sie doch vorher Sebastian Kurz effektiv auf die Eier ging? Warum kann Kanzlerjünger Robert Misik im neuen profil daherblödeln, rotblau wäre appetitlicher als schwarzblau, wäre weniger gefährlich?

Wo war die Aufregung, als die SPÖ neulich gegen einen Fristsetzungsantrag der Grünen und NEOS stimmte? Nur Minuten, nachdem das „freie Spiel der Kräfte“ beschworen wurde?

Der Antrag galt einem Gesetz zur Legalisierung der Homoehe. Es hätte vor der Neuwahl passieren können. Damit wäre ein echt spürbarer antisexistischer Erfolg für sehr viele Menschen verbucht worden. Und Kanzler Christian Kern, der sich letztes Jahr auf der Wiener Regenbogenparade feiern ließ, wäre glaubwürdiger. Die SPÖ ist es ohnehin kaum. Sie packelt längst mit den per Programm sexistischen Heteroehe-Parteien FPÖ und ÖVP, Stichwort: Leitbild Vater, Mutter, Kind.

Vielleicht ist aber ein Shitstorm, egal ob von links, rechts oder vollkornliberalen Bobos auch der völlig falsche Ort, um konsequente Diskurs-Gepflogenheiten und Maß einzufordern. Sonst würde es ja Argumentehagel oder so heißen, nicht Scheiße-Gewitter.

Übrigens: Als ich 2008 nach der Matura mit Freunden einen Monat auf Cuba urlaubte, wohnten wir in einer Casa Particular. Die ältere Tochter des Hauses, Leyani glaub ich, war eine Mulata und eine der schönsten und attraktivsten Frauen, die ich je sah. Sie trug das auch bewusst zur Schau. Eines Tages lief sie in Hotpants an einer Gruppe gleichaltriger Landsmänner vorbei, die oben ohne vorm Haus rumhingen. Einer rief „Das ist ein wirklich schöner, praller Arsch!“, worauf hin sie stehen blieb, sich laut auf den Hintern klatschte und keck antwortete: „Eh, aber der ist nicht für dich!“

Auf Cuba gibt es nicht nur schlagfertige Menschen, sondern auch das CENESEX, das Nationale Zentrum für Sexualaufklärung. Es fährt Kampagnen und organisiert etwa die Regenbogenparade in Havanna mit. Auf der machistischen Insel ist diese staatliche Institution maßgeblich dafür verantwortlich, dass es queeren Menschen heute in kaum einem anderen lateinamerikanischen Land so gut wie in Cuba geht. Vor über vierzig fünfzig Jahren hatte es noch Umerziehungslager für Schwule gegeben. Die sozialistische Regierung merkte aber, dass diese Lager mit Sozialismus nichts am Hut haben.

Das CENESEX hat nicht nur zur Aufklärung über Verhütung und Toleranz beigetragen. 2008 verabschiedete das Parlament in Havanna ein vom Zentrum erarbeitetes Gesetz, das transsexuellen CubanerInnen kostenlose geschlechtsangleichende Operationen ermöglicht. Unvorstellbar in den 1970ern 1960ern. Unvorstellbar auch im erzkatholischen Österreich 2017, wo eine ledige Frau in kirchlichen und ländlichen Spitälern angemacht wird, wenn sie die Pille (danach) will.

*Sexismus macht für die herrschende Reaktion als Machtinstrument genauso wie Rassismus viel Sinn, egal ob im Job, im Gesetz, auf intellektuellem Niveau, als expliziter Blödsinn aus dem Munde von Mario Barth oder der Feder von Götz Schrage. Sexismus und Rassismus sind untrennbar mit der Klassenfrage verbunden; sie sind Stützpfeiler der ausbeuterischen Ordnung, gerade im Kapitalismus.

Tl; dr: Egal, ob im Gesetz oder in der Linken, in Wien oder Havanna: Sexismus gehört überall ausdiskutiert, bekämpft, nicht tabuisiert. Der Neubauer Bezirksrat Götz Schrage hat Macho-Bullshit gepostet. Aber vergessen wir in der Debatte nicht die Relation: Seine Mutterpartei hat die größere sexistische Untat vollbracht. Seit Jahren liebäugelt und kooperiert die SPÖ mit den heterosexistischen Blauen und Schwarzen. Wo ist da der Shitstorm aus seinen Reihen?

Foto: tinker-tailor auf flickr: Macho Man (CC BY-NC 2.0)

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