Jemen: Ohne Rücksicht auf Verluste

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Über zehntausend Tote und Millionen Hungernde, das ist die tragische Bilanz des mittlerweile zwei Jahre andauernden Bürgerkrieges im Jemen. Die von Saudi-Arabien geführte Intervention zur Unterstützung der international anerkannten, aber vertriebenen Regierung von Abed Rabbo Mansur Hadi kann diesen Konflikt militärisch nicht gewinnen, versucht es aber trotzdem um jeden Preis. Das erklärt auch das kompromisslose Vorgehen der Saudis. Die Liste der Vergehen ist lang und reicht vom Einsatz international geächteter Streubomben bis hin zur gezielten Bombardierung ziviler Infrastruktur. Ähnlich wie im syrischen Bürgerkrieg erschwert zudem eine unübersichtliche Zahl an Akteuren jegliche Anstrengungen für eine Waffenruhe.

Laut der Hilfsorganisation Oxfam sind sieben Millionen Menschen von einer dramatischen Hungersnot betroffen, weitere zehn Millionen leiden an Nahrungsmangel. Rund eine halbe Million Kinder sind akut mangelernährt, warnt UNICEF. Die Zerstörung der Infrastruktur durch Luftbombardements wirkt sich verheerend auf die Versorgungslage aus. Außerdem ist die Landwirtschaft praktisch komplett zum Erliegen gekommen. Treibstoff für die Bewässerungspumpen ist nur mehr für die Wenigsten erschwinglich, zusätzlich herrscht massiver Wassermangel.

 

Die jemenitische Tragödie ist nicht zuletzt auf das Scheitern der Protestbewegung im Zuge des Arabischen Frühlings ab dem Jahre 2011 zurückzuführen. Wie in den meisten anderen arabischen Staaten, in denen es zu Revolten kam, konnte sich auch im Jemen der Ruf nach einem Systemwandel nicht durchsetzen.

Zwar musste Präsident Ali Abdullah Salih nach zwanzig Jahren autoritärer Alleinherrschaft abdanken, doch der alte Machtapparat behielt – nunmehr unter Führung von Präsident Hadi – die Zügel in der Hand. Reformversprechen wurden nicht eingelöst und die ökonomische Lage der Bevölkerung wurde immer prekärer. Seit Jahren wird der Jemen, der sich vor wenigen Jahrzehnten noch selbst versorgen konnte, „Armenhaus Arabiens“ genannt. Akteure wie die Huthi im Norden, die separatistische „Südliche Bewegung“ und in einem geringeren Maße auch dschihadistische Gruppen wie Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel (AQAP) erhielten in der Folge Zulauf.

Spiel mit Konfessionen

2014 nahmen die Huthi, Angehörige der schiitischen Zaiditen, die Hauptstadt Sanaa ein. Seitdem wird der Konflikt immer wieder auf den Faktor der Religion reduziert. Doch gerade der Jemen eignet sich schlecht als Beispiel für einen Glaubenskrieg zwischen Sunniten (bzw. ihren radikalen wahhabitischen Vertretern) und Schiiten. Vielmehr beteten Angehörige beider Konfessionen zumeist gemeinsam in den Moscheen, außerdem gibt es keine deklarierten schiitischen Gotteshäuser.

Fakt aber ist, dass die wahhabitisch geprägten Golfstaaten, allen voran Saudi-Arabien, den Konfessionalismus instrumentalisieren, um gegen innenpolitische wie außenpolitische Gegner zu mobilisieren. Letztere werden durch den schiitischen Iran verkörpert, der das Spiel mit den Konfessionen ebenfalls gut beherrscht und wiederum die Huthi finanzieren soll.

Der Aufstand der Huthi ist jedoch stärker von sozialen Forderungen getragen als von religiösen. Ihre Bewegung ist in den 1990ern als Reaktion auf Diskriminierung und den Aufstieg sunnitisch-islamistischer Bewegungen wie der Islah-Partei entstanden. Heute befinden sie sich paradoxerweise in einer Allianz mit Ex-Präsident Ali Abdullah Salih, dessen Armee sie zwischen 2004 und 2010 mehrmals herausforderten. Ein Zweckbündnis, mit dem Salih zurück an die Macht will. Salih, eigentlich selbst Zaidit, hat als einstiger Verbündeter Saudi-Arabiens den Export sunnitisch-extremistischer Strömungen in den Jemen toleriert, um seine politischen Gegner zu schwächen. Dieser Umstand zeigt, wie ungenau eine religiöse Deutung des Konflikts ist.

Der Süden ist anders

Auch die Gegner der Huthi/Salih-Allianz können nur ein sehr rissiges Bündnis vorweisen. In der südlichen Hafenstadt Aden residiert mittlerweile die provisorische Regierung Hadis, ihre Macht schwindet allerdings zunehmend. Verantwortlich dafür ist die „Südliche Bewegung“ – Separatisten, die für ein unabhängiges Südarabien eintreten.

Der Süden des Jemen unterscheidet sich gesellschaftlich wie auch politisch stark vom Norden. Hier spielt das Stammeswesen eine geringere Rolle, dafür sind gewerkschaftliche und auch sozialistische Kräfte noch aktiv. Im Süden betrachtete man die Regierung oftmals als Besatzungsmacht. Das liegt auch daran, dass SüdjemenitInnen vom Verwaltungs- und Sicherheitsapparat ausgeschlossen wurden. Trotz des gemeinsamen Interesses, das Vordringen der Huthi/Salih-Allianz zu stoppen, überwiegt hier das Misstrauen.

Der Süden ist gleichzeitig auch ein wesentliches Rückzugsgebiet für Al-Kaida und mittlerweile auch den IS. Diese bleiben von den Bombardierungen der Militärkoalition verschont und können das Chaos nutzen, um an Einfluss zu gewinnen.

Quo vadis, Arabia felix?

Die Vereinten Nationen haben aufgrund der katastrophalen Versorgungslage bereits im Februar Hilfsgelder in der Höhe von 2,1 Milliarden US-Dollar angefordert. Doch die Hilfe erreicht die Bevölkerung nur sehr schleppend. Die Kriegsparteien setzen Hunger und Armut oft gezielt als Waffe ein. Ein starker internationaler Druck ist hier vonnöten. Eine kritischere Haltung des Westens gegenüber Saudi-Arabien, das eigene Interessen verfolgt, ist nicht zu erwarten. Viel dreht sich um die Meerenge Bab el Mandeb, die den Golf von Aden mit dem Roten Meer verbindet und durch die der Westen das Erdöl aus dem Persischen Golf transportiert. Auch in Washington oder Brüssel will man diesen bedeutenden Seeweg nicht in die Einflusssphäre des Iran fallen sehen.

„Arabia Felix“, glückliches Arabien, pflegten die Römer das Gebiet des heutigen Jemen zu nennen. Zweitausend Jahre später fehlt davon jede Spur.

 

Dieser Artikel ist erstmals erschienen im Südwind-Magazin #05/2017

Foto:  Laurent Errera, Eurofighter EF-2000 Typhoon Royal Saudi Air Force (2015), CC BY-SA 2.0

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