Parade-MigrantInnen

Schon länger frage ich mich, wie den Grünen ein Efgani Dönmez passieren konnte. War dieser politische Griff ins Klo einfach nur Resultat dilettantischer Nachwuchsrekrutierung? Wenn ich die Angriffe der Wiener Bezirksrätin Mahsa Abdolzadeh gegen die muslimische Aktivistin Dudu Kücükgöl auf Sozialen Medien mitverfolge, bin ich zur Annahme verleitet, dass es bei den Grünen System hat, solch ein Personal in die Partei zu holen. Man muss die Ansichten von Kücükgöl zu Kopftuch oder Feminismus nicht teilen – sie aber öffentlich auf Facebook mit HC Strache zu vergleichen oder als Islamistin zu verunglimpfen? Seriously?

Ich tu mir in Hinblick auf Kücükgöls letztes Kurier-Interview oder ihren Beitrag im Biber über die Frauenproteste in Iran punktuell auch schwer. Das liegt zunächst daran, dass ich nicht viel von „Ja, aber“-Solidaritätsbekundungen halte. Mir ist es persönlich gleich, wer hier im Westen aus welchen Gründen auch immer die Proteste in Iran instrumentalisieren will. Sie sind mehr als legitim und verdienen vollste Unterstützung. Punkt. Außerdem halte ich Vergleiche zwischen der Türkei der 90er Jahre und dem iranischen Regime auch nicht für zulässig, weil verharmlosend. Es macht schließlich doch einen Unterschied, ob es lediglich an Universitäten oder sonstigen öffentlichen Einrichtungen ein Kopftuchverbot gibt oder der Verschleierungszwang ab dem Moment gilt, wo Frau das Haus verlässt und Verstöße brutal sanktioniert werden.

Dudu Kücükgöls Argumentationslinie kann ich ihr aber trotzdem nicht wirklich Übel nehmen. Immerhin sind es ja gerade heimische JournalistInnen, die Frauen wie sie nach ihrer Haltung zu den Protesten in Iran fragen und es sind „kritische Islam-KennerInnen“ vom Schlage eines Efgani Dönmez, die eine unversöhnliche Gegenüberstellung zwischen fortschrittlichen Anti-Kopftuch-Aktivistinnen und rückschrittlichen Kopftuch-Aktivistinnen konstruieren. Eine Gegenüberstellung, die völlig verkennt, dass es sowohl hier wie dort um vor allem eines geht – Recht auf Selbstbestimmung. Warum wollen PolitikerInnen wie Dönmez oder die iranstämmige Abdolzadeh solch eine Deutung völlig ausschließen? Hängt es eventuell mit persönlichen politischen Agenden oder gar Vendettas zusammen?

Ich fürchte, wir haben es hier mit einem grundlegenderen Problem zu tun: PolitikerInnen aus den Diaspora-Communities treten immer wieder als wandelnde Migrationsghintergründe auf und lassen Ressentiments oder Agenden in ihre Politik einfließen, die sich durch die eigene Herkunftsgeschichte herausgebildet haben. Es ist sicherlich kein Zufall, dass ein Türkei-stämmiger Politiker bei der ÖVP hauptsächlich durch Islambashing oder Integrationsthemen auf sich aufmerksam macht. Auch gibt es eine kurdischstämmige Grün-Politikerin, deren politisches Engagement sich vor allem auf den Bereich „Türkei-Kurdistan-Islam“ beschränkt, zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung. Ähnliches trifft auf einen muslimischen SPÖ-Politiker zu, der sich immer wieder zu Islam- oder Nahost-Themen medienwirksam äußert. Dass sein politischer Arbeitsschwerpunkt bisher auch auf Stadt- und Verkehrsplanung lag, weiß aber kaum jemand. Wenn ich ehrlich bin, fallen mir spontan nur zwei Politikerinnen mit Migrationshintergrund ein, die nicht ständig mit ihrer Herkunft oder ihrem Glaubensbekenntnis hausieren: Maria Vassilakou und Nurten Yilmaz. Das war es aber auch schon.

Es ist bezeichnend, dass quer durch die Bank Integration gefordert, es aber in keiner politischen Partei als problematisch betrachtet wird, wenn ParteikollegInnen mit Migrationshintergrund auf eben diesen reduziert werden.

Wer einen Hintergrund hat, hat in der Regel auch einen Vordergrund. Würd mir wünschen, mehr davon mitzubekommen, als von virtuellen Kleinkriegen wegen Kopftuch, Erdogan & Co.

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s