Der Rassismus der Anderen

“He needed someone to work the land, his back was too weak – he needed you black man.“  (Louis X)

 

Die Bilder von Sklavenmärkten in der libyschen Hauptstadt Tripolis, die Ende 2017 an die westliche Öffentlichkeit gelangten, sind noch immer schwer zu verdauen. Dass das Bürgerkriegsland mittlerweile ein Zentrum für Menschenhandel ist, war vorher schon kein Geheimnis, dass unzählige libysche Milizen hiervon profitieren auch nicht. Und dennoch sind die Bilder afrikanischer Menschen, die auf diesen Märkten wie Vieh zusammengepfercht, zur Schau gestellt und misshandelt werden, nichts für schwache Gemüter.  Wie kann so etwas im 21. Jahrhundert vor den Augen der Weltöffentlichkeit stattfinden?

Berichte von Menschenhandel gibt es immer wieder. Doch waren wir es gewohnt, dass er im Verborgenen stattfindet. In den dunkleren Ecken des Rotlichtmilieus oder in den unantastbaren gehobenen Diplomatenkreisen. Was jedoch in Libyen passiert, geschieht offen und mit einer Selbstverständlichkeit – und gerade darin offenbart sich eine lange Tradition des Rassismus, der in der arabischen Welt meines Wissens nach kaum aufgearbeitet wurde. Von den eigenen kolonialen Aktivitäten in Afrika bis hin zur Sklaverei. Derartige historische Verbrechen wurden bisher von der eigenen Opferrolle und der erniedrigenden, traumatisierenden Erfahrung mit dem westlichen Kolonialismus überschattet. Rassisten sind schließlich die anderen.

Das erschreckende Ausmaß des Sklavenhandels wurde mir vor einiger Zeit wieder bei einem Aufenthalt auf Sansibar bewusst. Die ostafrikanische Insel Sansibar war einst der weltweit größte Umschlagplatz für den Kauf und Verkauf afrikanischer Sklaven. Mehr als drei Millionen Menschen, meist aus Zentralafrika, wurden hier allein im 19. Jahrhundert verdinglicht und oftmals in den Nahen und Mittleren Osten weiterverschifft. Der Bedarf an Arbeitssklaven z.B. auf den Gewürz und Dattelplantagen des Sultans von Oman war groß, die Lebensbedingungen unmenschlich. Viele starben hier aufgrund von Mangelernährung und Erschöpfung. Für Nachschub sorgten arabische „Sklavenjäger“, die sich ihre aufwendigen Expeditionen oftmals von indischen Geschäftsleuten finanzieren ließen. Ich habe selbst immer wieder perplex feststellen müssen, wie sehr der arabische Sklavenhandel von AraberInnen selbst – auch von politisch Progressiven – verklärt wird. Angeblich weil er weniger unmenschlich war als der europäische. Das ist selbstverständlich ein völliger Unfug. Einziger wesentlicher Unterschied bestand für Sklavinnen, die mit ihrem Besitzer Kinder zeugten. Sie waren nach dessen Tod freie Frauen und ihre Kinder anerkannt.

Wie wenig Sensibilität es im arabischen Raum für dieses historische Erbe gibt, merkt man auch daran, dass die Bezeichnung “Abid” (arab. Sklave oder Diener) im Alltag noch immer für dunkelhäutige afrikanischstämmige Menschen verwendet wird. Solange es hier keine ehrliche Aufarbeitung der kolonial-rassistischen Vergangenheit gibt, brauchen wir uns über die unmenschliche Behandlung von Gastarbeitern am Golf oder über die neuen Sklavenmärkte in Tripolis nicht wundern.


Titelbild: Sklaven-Denkmal in Stone Town (v. Tyma Kraitt)

 

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